Review 2017

Radiobeiträge

Bericht

Leipziger Improvisationsfestival für Alte Musik 2017

von Martin Heidecker

Vom 21.-24. September 2017 fand bereits zum fünften Mal das Leipziger Improvisationsfestival für Alte Musik statt. Das reichhaltige Programm mit Workshops, Vorträgen und Konzerten von international gefragten Spezialisten für historische Improvisation sowie den beliebten JamSessions für Alte Musik ließ bereits im Voraus auf eine hochkarätige Veranstaltung schließen!

Dreh- und Angelpunkt des Festivals bildeten von Freitag bis Sonntag die jeweils fünfstündigen Tagesworkshops, zu denen sich über 50 TeilnehmerInnen (u. a. aus Belgien, Holland, Finnland, Norwegen und der Schweiz) angemeldet hatten. Zur Auswahl standen die verschiedensten Kurse mit unterschiedlichen Schwerpunkten, so dass mancher Teilnehmer bedauerte, sich nicht zerteilen zu können, um noch mehr Kurse zu besuchen: Daniel Beilschmidt (D), Rudolf Lutz (CH) und Patrick Ayrton (F): Tasteninstrumente; Marco Ambrosini (I), Michael Spiecker (D) und Martin Erhardt (D): alle Instrumente in 415 Hz; Corina Marti (CH), Jostein Gundersen (N) und Bor Zuljan (SVN): alle Instrumente in 440 Hz; Annegret Fischer (D): Grundlagen der historischen Improvisation und Session-Training Alte Musik; Jean-Yves Haymoz (CH) und Pierre Funck (CH): vokale Improvisation; Mareike Greb (D) & Christophe Deslignes (F): Tanz im Mittelalter. Bei allen Kursen ging es um das praktische Ausprobieren und Üben improvisatorischer Techniken. Interessant war dabei für mich die unterschiedliche Herangehensweise der einzelnen Dozenten: So wurde z. B. bei Michael Spiecker sehr genau untersucht, welche Themen, Intervalle und Rhythmik Ortiz selbst in seinen Recercaten verwendete, wie er die einzelnen Variationen miteinander verknüpfte und was das für uns bedeutet, wenn wir im Stil seiner Zeit improvisieren wollen. Marco Ambrosini ging es darum, den TeilnehmerInnen durch ständiges Verändern eines bekannten Harmonie-Schemas (La Follia) bis zur Unkenntlichkeit (nun alle Akkorde in moll, dann alle in Dur, dann das ganze Schema invers: alle Dur-Akkorde in moll und Moll-Akkorde in Dur usw.) den Boden unter den Füßen wegzuziehen, so dass evtl. bereits eingefahrene Improvisationsgewohnheiten geändert werden mussten. Bei Jean-Yves Haymoz und Pierre Funck hatten die TeilnehmerInnen die Möglichkeit, in kleinen Gruppen selbst beispielsweise das Improvisieren kleiner Kanons, die Improvisation eines Fauxbourdons oder einer Altstimme zu einem Tenor, der im Diskant in Dezimen begleitet wurde, auszuprobieren. Alles sehr spannend und gar nicht so einfach, wenn man so etwas noch nie gemacht hat! Aber es wurde viel gelacht und die „Fehler“ wurden großzügig im Papierkorb entsorgt... Bemerkenswert und erfreulich war für mich der hohe Anteil an jungen Leuten unter den KursteilnehmerInnen, für die der Umgang mit historischer Improvisation offensichtlich schon etwas Vertrautes war! Entsprechend hoch war auch die aktive Beteiligung an den beiden spätabendlichen JamSessions, die teilweise bis in die frühen Morgenstunden hinein der offensichtlichen Spiel- und Tanzfreude der TeilnehmerInnen freien Lauf ließen. Jostein Gundersen, Annegret Fischer und Michael Spiecker fungierten perfekt als Sessionmaster und sorgten für eine gelungene Mischung aus Solo- und Gruppenspiel, wobei die in den Workshops geübten Themen mit einbezogen wurden. Hier wurde auch deutlich, welche breite Palette an alten Instrumenten die TeilnehmerInnen repräsentierten: Von den verschiedensten Streichinstrumenten über Block- und Traversflöte bis hin zu Barockoboe, Barockfagott, Barockposaune, Laute und Schlagzeug war hier alles vertreten.

Am Nachmittag standen freitags und samstags zwei interessante Vorträge auf dem Programm: Jean-Yves Haymoz erläuterte - u. a. mit einigen live vorgeführten Beispielen - die Entwicklung der vokalpolyphonen Improvisation und die verschiedenen Quellen, die diese ausführlich belegen. Rudolf Lutz sprach über den Improvisationsstil J. S. Bachs, wobei er sich durchaus nicht nur auf Bach beschränkte: Bezaubernd, ausdrucksstark und zugleich mit äußerster spielerischer Leichtigkeit gab er Kostproben seines unglaublichen improvisatorischen Könnens: „Welches Thema wollen Sie? Ich sehe, sie sind für „Let it be“! In welcher Tonart bitte?“ Und schon folgte eine vierstimmige Bachfuge über „Let it be“ und gleich noch ein Klavierstück von Brahms und von Mendelssohn zur selben Thematik dazu... Allein so ein Vortrag und die Möglichkeit, einen Musiker dieses Formats einmal live zu erleben, lohnt schon die weite Anreise!

Vier Konzerte mit größtenteils improvisierter Musik standen abends auf dem Programm, die sich jeweils der Stilistik einer bestimmten Zeit widmeten:

Einen äußerst gelungenen und vielversprechenden Auftakt lieferte am Donnerstagabend ein „Anno 1400: Tanzkonzert – Chominciamento di gioia“ im historischen Speisesaal des Hauptbahnhofs. Mareike Greb (D) – Tanz, Simon Flamm (D) – Jonglage, Christophe Deslignes (F) – Organetto und Tanz, Marco Ambrosini (I) – Schlüsselfidel und Martin Erhardt (D) – Organetto und Blockflöte boten ein vergnügliches Gesamtkunstwerk, in dem es mit großem Einfallsreichtum, viel Abwechslung und einer großen Prise Humor um die „siebenfaltige Symbolik des Apfels“ ging. Die Musiker inspirierten genauso zu Tanz und Jonglage wie Jonglage und Tanz wiederum die Musik beeinflussten. Der rote Apfel zog sich wie ein roter Faden durchs Programm: Die Sage vom Urteil des Paris wurde da schon einmal umgedeutet, indem die Tänzerin als einzige Frau nacheinander je einem der drei männlichen Musiker den Apfel reichte, woraufhin dieser den nächsten Soloteil improvisieren musste. Gegen Ende des Programms verschwand dann der Apfel als einer von drei Jonglierbällen Bissen für Bissen im Mund des Jongleurs...

Am Freitag folgte im UT Connewitz, dem ältesten Lichtspieltheater Leipzigs von 1912, „Anno 1550: KAIROS - italienische Improvisationen - frottole, ottave rime, ricercari ...“ mit dem kurzfristig für Vivabiancaluna Biffi eingesprungenen Enea Sorini (I) - Bariton, Corina Marti (CH) – Cembalo und Bor Zuljan (SVN) – Laute. In dieser im Vergleich eher intimen Besetzung wurde ausgesprochen klangschön und mitreißend musiziert und improvisiert. Das Publikum bekam so eine Ahnung, wie vielfältig und auch z. T. revolutionär die Musizierpraxis in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Italien gewesen sein muss.

„Anno 1630: Zink über Chor“; Werke von Clemens non Papa, Schütz, Lasso, Calvisius, Purcell, Lotti, Knüpfer, Kuhnau, Krieger und J. S. Bach mit Doron D. Sherwin (USA) - Zink und dem Vocalconsort Leipzig unter Leitung von Gregor Meyer (D) standen am Samstag auf dem Programm – im Museum der bildenden Künste. Ein äußerst glückliches Zusammentreffen eines ausdrucksstarken Spitzenchores (der im Unterschied zu vielen anderen Chören sogar reine Terzen singen kann!) mit einem der weltbesten Zinkenisten. Dabei drängte sich Doron D. Sherwin nie in den Vordergrund, sondern setzte vor allem in den Tuttistellen zusätzliche Glanzlichter, die den jeweiligen Affekt noch verstärkten, aber nie überdeckten. Passend zu den modernen Kunstwerken im Saal gerieten Chor und Zink dann durchaus sicht- und hörbar auch einmal auf Abwege, wenn der Text hieß „und siehe, ob ich auf bösem Wege bin“ und fanden sich harmonisch wieder zusammen beim „leite mich auf ewigem Wege“.

Noch (!) ein absoluter Höhepunkt war dann am Sonntag das Abschlusskonzert im Kammermusiksaal der Musikhochschule: „Anno 1717: Orgelkonzert: Bach & Marchand - Kein Duell, aber ein Dialog“. Rudolf Lutz (CH) als Johann Sebastian Bach & Daniel Beilschmidt (D) als Louis Marchand holten hier sozusagen 300 Jahre später ein von Bach vorgeschlagenes Treffen nach, das so nie stattgefunden hat. Neben ihren gegenseitig vorgestellten, zutiefst beeindruckenden und berührenden Improvisationskünsten (z. B. ein bombastisches Orgelpräludium, das leider in keinem BWV zu finden ist oder eine sehr delicate Suite im französischen Stil von „Marchand“) war hier vor allem auch spannend zu erleben, mit welch großer Wertschätzung sich die beiden Musiker gegenseitig Aufgaben stellten, bei denen es eben nicht darum ging, den jeweils anderen auszustechen, sondern ihn in seinem Können zu ungeahnten Höchstleistungen zu beflügeln. Ein Beispiel dafür war sicherlich die von Rudolf Lutz als „Bach“ auserbetene biblische Historiensonate (nach dem Vorbild der bekannten Stücke von Bachs Vorgänger Kuhnau) zur Geschichte der Emmaus-Jünger in vier Stationen, die Daniel Beilschmidt als „Marchand“ äußerst einfühlsam und bravourös meisterte.

Fazit: Das Leipziger Improvisationsfestival für Alte Musik 2017 war ein voller Erfolg, zu dem man dem Leiter und Organisator Martin Erhardt nur ganz herzlich gratulieren kann! Die Resonanz der TeilnehmerInnen aus ganz Europa zeigt, dass sich dieses in Deutschland einzigartige Festival auch international etabliert hat. Schon jetzt darf man gespannt sein auf das nächste Improvisationsfestival für Alte Musik 2019!

FESTIVAL-IMPRESSIONEN (Fotos: Martin Erhardt)

 

FESTIVAL-IMPRESSIONEN (Fotos: Manfred Duda)

 

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