Review 2015

Leipziger Improvisationsfestival für Alte Musik 2015

von Kathrin Burkhart-Sertkaya

Vom 17.-20. September 2015 fand das Leipziger Improvisationsfestival für Alte Musik zum vierten Mal statt! In Workshops, Konzerten, Jamsessions und einem Vortrag widmeten sich MusikerInnen, TänzerInnen, StudentInnen und Laien der Improvisation Alter Musik.

Ganz unterschiedliche Epochen und Improvisationsstile wurden dabei in den ganztägigen Workshops behandelt. Die Dozenten des Festivals waren Musiker aus dem In- und Ausland, die sich in ihren jeweiligen Spezialgebieten bewegten. Von den Möglichkeiten der Improvisation über einen Cantus firmus, über Diminutionsstile bis schließlich zur Improvisation über Grounds ließ sich alles finden: Sessiontraining mit Hans Knut Sveen (Bergen), Various vocal improvisation techniques mit Peter Schubert (Montreal), Improvisation an Tasteninstrumenten mit Dirk Börner (Basel), Präludieren & Ostinatobässe mit Mechthild Karkow (Leipzig), Englische & schottische Divisions zwischen Folk und Kunstmusik mit Ian Harrison (Freiburg), Divisions to excellent Grounds mit Jostein Gundersen (Bergen), Cantare super librum mit Martin Erhardt (Halle), modale, thematische und motivische Improvisation mit Marco Ambrosini (Hatzfeld), Organum Notre-Dame 12./13. Jh mit Raphaël Picazos (Frankreich), Vokale und instrumentale Polyphonie 15./16. Jh mit Barnabé Janin (Frankreich), Das Diminuieren als Ornament der Polyphonie mit William Dongois (Paris) und Skizzen zur Improvisation von W.A.Mozart mit Anne Freitag (Leipzig). Erstmals fand auch ein Workshop für Kinder und Jugendliche von 11-18 Jahren statt, den der Barockgeiger Michael Spiecker aus Leipzig leitete und der sehr gut angenommen wurde.

Inspiriert durch die neuen Improvisationserfahrungen wurden viele der Kursteilnehmer auch bei den beiden spätabendlichen JamSessions aktiv und präsentierten einige Ergebnisse der Workshops. Alle Anwesenden konnten hautnah erleben, wie unglaublich lebendig, frisch und voll bunter Vielfalt Alte Musik trotz (oder gerade wegen) stilistischer Gebundenheit klingen kann, und welch tiefe Affinität wir auch heute noch zu jahrhundertalten Melodien aufbauen können.

Die täglichen Konzerte am frühen Abend waren jedes für sich ein Höhepunkt. Auch wenn natürlich nicht jede Note spontan erfunden wurde, und auch alte Kompositionen erklangen, so war doch in jedem Konzert die historische Improvisation das entscheidende Element der Konzertdramaturgie, das die Alte Musik ins Hier und Jetzt holte.

Das festliche Eröffnungskonzert gab das Ensemble all`improvviso mit Mechthild Karkow, Barockvioline; Michael Spiecker, Barockvioline; Martin Erhardt, Blockflöte; Miyoko Ito, Viola da Gamba; Christoph Sommer, Laute; sowie den TänzerInnen Jutta Voß, Mareike Greb, Bernd Niedecken und Niels Badenhop in der Alten Börse. Es trug den Titel „Der rechtschaffene Tantzmeister“ und verband musikalische mit choreographischer Improvisation. Unter anderem improvisierten die ambitionierten MusikerInnen Mechthild Karkow, Martin Erhardt und Miyoko Ito eine ganze Triosonate im Stil von Corelli, Händel und Barsanti. Auch niedergeschriebene Choreographien des Tänzers Raoul Auger Feuillets kamen zur Aufführung.

Das Familienkonzert „Robin Hood“ von The Early Folk Band im Historischen Speisesaal des Hauptbahnhofs wurde vom Publikum euphorisch gefeiert. Die MusikerInnen Miriam Andersén (Gesang, Harfe, Snatterpinnar, Triangel), Gesine Bänfer (Hackbrett, Cister, Northumbrian Smallpipes, Flageolet, Rahmentrommel, Gesang), Susanne Ansorg (Fidel, Gesang), Ian Harrison (Northumbrian Smallpipes, Flageolet, Zink, Gesang) und Steve Player (Barockgitarre, Cister, Tanz, Gesang) wurden von Marco Ambrosini (Schlüsselfidel) als Gast improvisierend begleitet. Das Ensemble erzählte mit Liedern und Tänzen des 17. und 18. Jh. Geschichten aus dem Leben Robin Hoods.

„Improvisations à livre ouvert“ nannte Obsidienne ihr Konzert. Das fünfköpfige Ensemble mit Hélène Moreau (Cantus, Psalterium), Emmanuel Bonnardot (Altus, Rebec, Fidel), Barnabé Janin (Tenor, Fidel), Raphaël Picazos (Tenor) und Justin Bonnet (Bariton) wurde ergänzt durch special guest William Dongois (Zink). Kunstvolle Improvisationen über Gesänge aus dem Graduale der Leipziger Thomaskirche sowie vokale und instrumentale Kompositionen erklangen in der Lutherkirche. Einen Cantus firmus komponierte Festivalleiter Martin Erhardt auf Wunsch des Ensembles am Ende des Konzertes selbst, zur ganz spontanen Improvisation.

Das Abschlusskonzert „Die wahren Empfindungen“ gaben Bernhard Klapprott aus Weimar und Joel Speerstra aus Göteborg im Museum der bildenden Künste am Clavichord. Dabei war das selbstgebaute Duo-Clavichord von Joel Speerstra als das erste seiner Art mit einer vierhändigen Improvisation zu „La Folia“ zu erleben. Die Musik C. Ph. Emanuel Bachs erfuhr auf den leisen Instrumenten und interpretiert von den beiden hervorragenden Musikern eine derartige Intensität, dass sich die verbliebenen Teilnehmer am Sonntag abend äußerst berührt auf den Heimweg machen konnten.

Die steigende Teilnehmerzahl auch in diesem Jahr zeugt sowohl vom wachsendem Interesse für eine alte Musizierpraxis als auch vom großen Erfolg der Initiative von Festivalleiter Martin Erhardt. Inspiriert durch drei intensive Tage für weitere Studien und Jamsessions in Leipzig, Dresden, Amsterdam oder anderswo, lässt es sich froh vorausschauen ins Jahr 2017: zur geplanten nächsten Edition des Leipziger Improvisationsfestivals für Alte Musik!

FESTIVAL-IMPRESSIONEN (Fotos: Manfred Duda, Martin Erhardt)

 

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