Review 2011

PRESSE-REVIEW

Erfrischende Musikkultur

Wer sich mit den historischen Quellen alter Musik befasst wird schnell erkennen, dass es kaum einen besseren Weg gibt sich einer Epoche vor 1800 zu nähern als die Improvisation. Noch im 18. Jahrhundert wirkten die Musiker meist gleichermaßen als Interpret, Komponist und Improvisator. Beim 2. Leipziger Improvisationsfestival vom 15. bis 18. September 2011 konnte man erleben, dass es europaweit heute eine ganze Reihe Musiker gibt, die sich auf höchstem Niveau in die Klangsprachen vergangener Epochen eingearbeitet haben und mit großer Virtuosität darin improvisieren.

In drei Workshops konnten gut 30 Teilnehmer verschiedene Improvisationspraktiken erlernen und diese gleich an zwei Abenden bei JamSessions im Restaurant Mega Pon in die Tat umsetzen. Dafür hilfreich waren vor allem die Workshops zur Improvisation über Ostinatobässe des 16. bis 18. Jahrhunderts. Beim Norweger Jostein Gundersen wurde z. B. damit experimentiert, eine ganze Tanzsuite über dem Bass der Folia zu entwerfen. Auf diese Weise gut vorbereitet fanden sich am Abend 25 Musiker zusammen, die gemeinsam bis tief in die Nacht spielten, sangen und trommelten. „Es ist ein unglaubliches Erlebnis, die Gesichter so vieler junger Menschen zu sehen, die so beseelt sind und die so ganz frei zusammen Musik machen“, so das Fazit eines Gastes.

Ganz im Kontrast zu den ausgelassen-enthusiastischen JamSessions stand die konzentrierte Atmosphäre und knisternde Spannung der Konzerte: Beim Eröffnungskonzert im Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig traf Tanzimprovisation (Mareike Greb und Lieven Baert) auf improvisierte Tanzmusik (Ensemble all'improvviso). Während die Musiker traumwandlerisch sicher Basses danses im Stil des Buxheimer Orgelbuchs improvisierten, konterten die Tänzer beim Tourdion mit gekonnten Kapriolen und begeisterten das Publikum darüber hinaus durch eine facettenreiche schauspielerische Leistung.

Tags darauf konnten viele hundert Besucher in der Thomaskirche erleben, wie das Vokalensemble „Le chant sur le Livre“ bis zu fünfstimmige Motetten improvisierte. Den Sängern genügte ein Notenständer mit einigen Cantus-Firmus-Melodien aus dem Graduale der Leipziger Thomaskirche (14. - 16. Jahrhundert, ein wahrer Schatz übrigens inmitten der reichen Leipziger Musiktradition!), um daraus spontan komplexe polyphone Klanggebilde zu erschaffen. Im Workshop am nächsten Tag wurden die Kursteilnehmer von den Sängern in die Techniken der Kanon- und Fauxbourdonimprovisation eingewiesen. In Kleingruppen konnten sie selbst erste Schritte darin unternehmen.

In der alten Handelsbörse gab es Spannung pur, als Eckhart Kuper, Alexander Grychtolik (beide Cembalo) und James Hewitt (Barockvioline) kammermusikalische Werke aus dem Stegreif erfanden. 270 Jahre ist es her, dass Bach mit seinen Söhnen und weiteren virtuosen Gästen im Café Zimmermann musizierten. Nun erlebten die Hörer Solisten, die in Bachs Fußstapfen stiegen und z. B. über den Bass einer Händelsonate eine neue Triosonate fantasierten oder aus einigen bachschen Themen ein neues Doppelkonzert für zwei Cembali erfanden. Höchste Akkuratesse, mitreißende Spielfreude und eine Prise Schalk im Nacken lösten beim Publikum begeisterten Beifall aus.

Am Sonntag schließlich begab man sich nach gleichermaßen fundierten wie motivierenden Vorträgen (Markus Jans, Ludwig Holtmeier) und mit einer spannenden Podiumsdiskussion im „Gepäck“ zum Abschlusskonzert. Hier wurde dann konsequent der Dialog mit der Moderne gesucht. Die Barockmusiker Andreas Böhlen (Blockflöten), Matthieu Camilleri (Violine) und Thomas Boysen (Lauten) trafen auf das Jazzduo Timm/Brockelt (Orgel/Saxophon). Auf die hochvirtuose Fugenimprovisation für Solovioline folgte ein Jazzarrangement über das gleiche bachsche Thema. Durch das Aufeinanderprallen der konträren Stile wurden die Ohren immer wieder angeregt, sich schnell auf die neuen Klänge einzulassen. Zum Schluss badete die Michaeliskirche in Musik, als eine Passacaglia über "Aus tiefer Not schrei ich zu dir" vorne im Barock- und von der Empore im Jazzgewand erklang.

Festivalleiter Martin Erhardt zeigte sich hoch zufrieden über den Austausch und die Begegnungen, die zwischen Leipziger und vielen von weit her angereisten Künstlern stattfanden: „Leipzig ist der perfekte Ort, um die vielen verstreuten Meister ihres Metiers zusammenzubringen.“

Die Besucher von 2011 waren sich einig, dass es ein großes Geschenk für Leipzig war, an diesem verlängerten Wochenende mit den Gästen die kreativen musikalischen Wurzeln der Stadt wiederbeleben zu können. Aus dem Blick zurück wurde ein Erfahren im Hier und Jetzt, das die Musikkultur in Leipzig hoffentlich nachhaltig erfrischen wird.

Michael Spiecker

FESTIVAL-IMPRESSIONEN (Fotos: Manfred Duda)

15. September 2011

Bild dynamisch im Foyer des Grassimuseums
dynamisch im Foyer des Grassimuseums
Bild Lieven Baert als Herzog Philipp der Gute
Lieven Baert als Herzog Philipp der Gute
Bild Mareike Greb als Hippolita Sforza
Mareike Greb als Hippolita Sforza
Bild die beiden Tänzer mit den Musikern des Ensembles all'improvviso: Maurice van Lieshout, Martin Erhardt, Annegret Fischer, Nora Thiele
die beiden Tänzer mit den Musikern des Ensembles all’improvviso: Maurice van Lieshout, Martin Erhardt, Annegret Fischer, Nora Thiele

 

16. September 2011

Bild Jostein Gundersen während seines Workshops in der HMT
Jostein Gundersen während seines Workshops in der HMT
Bild Le Chant sur le Livre (Emmanuel Bonnardot, Raphaël Picazos, Barnabé Janin, Jean-Yves Haymoz, Pierre Funck) in der Thomaskirche
Le Chant sur le Livre (Emmanuel Bonnardot, Raphaël Picazos, Barnabé Janin, Jean-Yves Haymoz, Pierre Funck) in der Thomaskirche
Bild Pascale Boquet bei der JamSession mit The Playfords (im Bild Benjamin Dressler)
Pascale Boquet bei der JamSession mit The Playfords (im Bild Benjamin Dressler)
Bild Annegret Fischer (The Playfords)
Annegret Fischer (The Playfords)
Bild Open stage im Mega Pon!
Open stage im Mega Pon!

 

17. September 2011

Bild Pierre Funck unterrichtet improvisierte Vokalpolyphonie
Pierre Funck unterrichtet improvisierte Vokalpolyphonie
Bild Markus Jans (vorne) und Jean-Yves Haymoz beim Workshop
Markus Jans (vorne) und Jean-Yves Haymoz beim Workshop
Bild ...und brillieren zusammen mit James Hewitt im spontanen Trio
...und brillieren zusammen mit James Hewitt im spontanen Trio
Bild ...fantasiert gemeinsam mit Eckhart Kuper...
...fantasiert gemeinsam mit Eckhart Kuper...
Bild In der Alten Börse: Alexander Grychtolik...
In der Alten Börse: Alexander Grychtolik...

 

18. September 2011

Bild bei der Podiumsdiskussion: Markus Jans, Ludwig Holtmeier, Christian Fischer, Pierre Funck, Martin Erhardt, Alexander Grychtolik
bei der Podiumsdiskussion: Markus Jans, Ludwig Holtmeier, Christian Fischer, Pierre Funck, Martin Erhardt, Alexander Grychtolik
Bild Alexander Grychtolik lehrt das „freye fantasieren“
Alexander Grychtolik lehrt das „freye fantasieren“
Bild beim Abschlusskonzert in der Michaeliskirche: Matthieu Camilleri und Andreas Böhlen...
beim Abschlusskonzert in der Michaeliskirche: Matthieu Camilleri und Andreas Böhlen...
Bild ...und dem Jazzduo David Timm/Reiko Brockelt
...und dem Jazzduo David Timm/Reiko Brockelt
Bild ...improvisierten gemeinsam mit Thomas Boysen...
...improvisierten gemeinsam mit Thomas Boysen...

 

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